Predigt zum Patrozinium St. Lioba – 28.9.2025
Gesehen werden – Hoffnung für eine Arbeitswelt unter Druck
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
es gibt Texte in der Bibel, die sind so alt, dass man denken könnte: nett, aber weit weg. Und dann hört man Amos, und man denkt: Der könnte auch gestern Abend bei „Anne Will“ gesessen haben. „Das Fest der Faulenzer ist vorbei“, sagt er. Und ich frage mich: Wen meint er? In vielen politischen Debatten sind es angeblich die Bürgergeldempfänger, die auf der faulen Haut liegen. Aber wenn ich ehrlich hinschaue, dann sehe ich andere auf Elfenbeinliegen: die, die es sich leisten können, die Füße hochzulegen, während die Mehrheit rennt, ackert, schuften muss. Amos schaut genau hin – und er redet Klartext. Prophetisch heißt: den Finger in die Wunde legen, nicht mitlaufen, wenn die Schlagzeilen von „Sozialschmarotzern“ reden, sondern fragen: Wer trägt hier eigentlich die Last, und wer lebt gut von der Arbeit anderer?
Und damit sind wir mitten in unserer Zeit. Ich sehe Menschen, die keine Zeit haben zum Faulenzen, die buchstäblich rennen müssen. Paketboten, die nicht mal fünf Minuten für eine Pause haben. Pflegekräfte, die nach zwölf Stunden Schicht am Limit sind. Arbeiter, die Angst haben, ob ihr Betrieb den nächsten Stellenabbau überlebt. Viele fragen sich: Habe ich in fünf Jahren noch Arbeit? Werde ich noch gebraucht, oder werde ich aussortiert wie ein alter Computer? Diese Unsicherheit frisst sich in die Seelen. Und sie frisst sich auch in die Beziehungen: Da entsteht Misstrauen, Streit zwischen Kollegen, Neid und Konkurrenz. „Warum bist du krank, während ich Überstunden mache?“ – „Warum schaffst du weniger?“ Das Gift der Angst vergiftet den Zusammenhalt. Amos würde sagen: Seht hin, schweigt nicht, wenn Menschen zerdrückt werden.
Aber zum Glück bleibt es nicht beim Anprangern. Heute feiern wir das Patrozinium der heilige Lioba. Sie war keine Prophetin im Donnerwort-Stil, sondern eine Frau, die hingegangen ist. Aus dem Kloster hinaus, mitten ins Leben hinein. Missionarisch – und das heißt für mich heute: nicht die Menschen von oben belehren, sondern mitgehen, zuhören, Hoffnung weitertragen. Das ist Betriebsseelsorge: an den Werkbänken, in den Büros, auf den Straßen, da wo Menschen schuften, hoffen, leiden. Ich erinnere mich an Gespräche mit Beschäftigten, die nachts nicht mehr schlafen konnten, weil die Firma dichtmachen sollte. Oder an jemanden, der nach einer Kündigung das Gefühl hatte: „Ich bin nichts mehr wert.“ Da missionarisch sein heißt nicht: einen Bibelvers drüberkleben. Es heißt: da sein, aushalten, Mut machen – und manchmal auch lachen, wenn das Leben gerade nur noch dunkelgrau aussieht. Es heißt da sein – DU bist nicht alleine – NIEMALS.
Und dann kommt das Evangelium mit Lazarus, der vor der Tür liegt. Der Reiche sieht ihn nicht. Oder will ihn nicht sehen. Wie viele, wie Lazarus, liegen heute vor unseren Türen? Sie tragen vielleicht nicht Lumpen, sondern Sicherheitsschuhe oder OP-Kittel. Sie haben vielleicht kein Geschwür, aber Rückenschmerzen vom Schichtdienst oder eine Seele, die krank ist vor Angst. Solidarisch sein heißt: nicht so tun, als sähe man sie nicht. Solidarisch heißt: Gott stellt sich an ihre Seite – also gehören auch wir dahin.
Ich glaube, wir brauchen diese Solidarität heute mehr denn je. Denn der Druck wächst. Die Transformation, die Digitalisierung, die ständige Angst vor Abbau und Outsourcing – das alles macht die Menschen mürbe. Und wenn dann noch die Botschaft kommt: „Du bist nur so viel wert wie deine Leistung“, dann wird’s gefährlich. Dann gehen Würde und Selbstwert verloren. Aber genau da hat unser Glaube etwas anderes zu sagen. Er sagt: Dein Wert hängt nicht an deiner Leistung. Nicht an deinem Job, nicht an deiner Karriere, nicht an deiner Gesundheit. Dein Wert hängt daran, dass Gott dich liebt. Punkt. Das ist so einfach – und doch so revolutionär in einer Welt, die ständig Leistung misst.
Und ich möchte nicht, dass wir am Ende in Resignation landen. Nein, die Soziallehre der Kirche gibt uns Hoffnung. Sie erinnert uns an Solidarität: Wir sind füreinander verantwortlich. Sie erinnert uns an Subsidiarität: Lösungen entstehen am besten vor Ort, im Betrieb, im Miteinander. Und sie erinnert uns an Gerechtigkeit: Jeder Mensch hat das Recht auf gute Arbeit, auf gerechten Lohn, auf Bedingungen, die nicht krank machen. Und auch wenn das nach großen Worten klingt – es beginnt ganz klein. Damit, dass ich den Menschen neben mir sehe. Dass ich nicht wie der Reiche achtlos an Lazarus vorbeigehe.
So spannen Amos, Lioba und das Evangelium heute einen Bogen. Amos ruft uns: Schaut hin und schweigt nicht. Lioba ermutigt uns: Geht hinaus und bringt Hoffnung. Und das Evangelium zeigt uns: Gott ist solidarisch mit den Armen – also gehört auch ihr dorthin. Das ist nicht einfach Theorie, das ist Auftrag. Für uns als Kirche, für uns als Gesellschaft, für jeden einzelnen von uns.
Und ich wünsche mir, dass wir alle in diesem Dreiklang leben. Prophetisch mit offenem Mund, missionarisch mit offenem Herzen, solidarisch mit offenen Augen. Dann kann aus Angst Hoffnung werden. Dann kann aus Konkurrenz Zusammenhalt wachsen. Und dann wird Gottes Nähe spürbar – mitten in unserer Arbeitswelt, mitten in unserem Alltag. Amen.
Die Predigt hielt Betriebsseelsorger Marian Schirmer, Pastoralreferent und seit 5 Jahren in der Betriebsseelsorge Böblingen aktiv

